Klaus Bittner

Die “Variable Reaktion“

Es sieht schlecht aus...
Was ist denn die Kunst heute? Ist sie das letzte Abenteuer oder ist sie ein Versuch dem System etwas entgegenzusetzen oder ist sie der letzte verzweifelte Akt, dem System zu entkommen? Ist sie schon eingeholt und heißt jetzt ”Aktuelle Kunst” und kämpft die Aktuelle Kunst für den Markt gegen die Kunst? Die Welt ist in einer Krise, die Kunst also auch. Es sieht schlecht aus für die Kunst oder sieht die Kunst schlecht aus? Ich weiß es nicht, aber ich bin mitten drin. Der wachsenden Markenzeichenkunst setze ich mein Konzept der „Variablen Reaktion“ entgegen.

Die „Variable Reaktion“…
ist eine Strategie zur Vermeidung identifizierbarer Kontinuität (Mobilitätsprinzip). Sie ist gegen ästhetische Erstarrung, das Verharren auf einer Position und den Identitätszwang des Marktes gerichtet. Nicht die Markenzeichenkunst mit Wiedererkennungswert, nicht der lebenslang gereifte Personalstil ist das Ziel, sondern kreative Vielseitigkeit, die die Veränderung des Ausdrucks zum Prinzip erhebt. Die „Variable Reaktion“ versteht die künstlerische Arbeit als experimentellen Weg, welcher der Perfektionierung entgegensteht.

1. Kunsterfahrung oder Bestätigung des Vorausgedachten?
Wahre Kunsterfahrung ist eine höchst reflektierte und empfindsame Aktivität. Es ist eine Art Erkenntnislust, die sich nur auf das Werk selbst bezieht und nicht auf die Person des Schöpfers. Dabei geht es nicht um den gesellschaftlich eingeübten Kunstgenuss, der nur aus ist auf Wiedererkennen und Geschmacksbestätigung, um sich des Kunstwerks zu bemächtigen. Man erfährt, was man schon weiß. Man will gar nichts anderes erfahren und man genießt diese Begegnung als eine, die einen nicht umstößt, sondern auf welke Weise bestätigt. Diese Bestätigung läuft immer sehr eng mit der Person des Künstlers einher. Man erkennt ihn und seine Art zu arbeiten wieder und kann getrost abhaken. Wenn der Künstler seine Arbeit mit einem Wiedererkennungscharakter versieht, tut er nichts anderes als diese schale Bestätigung hervorrufen. Er verführt den Betrachter zur schnellen Akzeptanz. Von diesem Prozess lebt der gesamte Kunstmarkt. Wieder erkennen ist das A und O der Vermarktung. Hier geht es nicht um den Gehalt einer Arbeit, unabhängig von der Person des Schöpfers, sondern um den Verkauf eines Markenzeichens, eines Personalstils, eines Künstlernamens. Letztendlich ist die Markenzeichenkunst eine Folge zweier Fehlentwicklungen, die sich gegenseitig bedingen. Der Künstler steht unter dem Zwang sein unverwechselbares Markenzeichen aufzubauen, um vom Markt erkannt zu werden. Der Markt wiederum stellt an den Künstler die Forderung eines Personalstils, der dann beibehalten werden soll, getreu nach dem Motto ”Schuster bleib bei Deinen Leisten, dann nehme ich Dich ernst, denn mein Publikum möchte Dich wieder erkennen und nicht verunsichert werden, da letzteres den Verkauf behindert”.

2. Kunst als Markenzeichen
Es gibt heute kein Kunstwerk mehr ohne den Diskurs der Kritiken, ohne eine Werbestrategie. Letztendlich ist Kunst etwas, das durch Deklaration entsteht, d.h. Kritiker, Museumsleute und Galeristen ernennen etwas zur Kunst oder nicht. Die Folge ist, dass viele Künstler taktieren und sich Strategien zulegen, um Anerkennung zu finden. So hat Kunst sich zur Betriebskunst gewandelt. Die Künstler produzieren für ein Fachpublikum und auf eine Kennerschaft hin. Das geht soweit, dass in vielen Arbeiten bereits die Werbestrategien der Schöpfer zu erkennen sind. In einer Zeit des ”anything goes”, des Überangebotes an künstlerischen Hervorbringungen, verspüren viele Künstler den Hang, sich ein unverwechselbares Markenzeichen zuzulegen, das dann vom Fachpublikum leichter bemerkt werden kann. Dahinter steht die Hoffnung, sich über den Wiedererkennungseffekt dauernd in Erinnerung zu rufen, um endlich im Markt angenommen zu werden. Hier hat der Schöpfer des Werkes eindeutig den experimentellen Weg der Kunst verlassen zugunsten des Erfolges im Markt. Die Methode ist immer die gleiche. Indem ein Künstler “seine einmalige Idee” laufend kopiert, versucht er seine Arbeit zum Markenzeichen hoch zu stilisieren. Dieser Prozess macht ihn zum Fachidioten seiner Idee. Er beschränkt seine Phantasie und Kreativität nur noch auf die Variation und Perfektionierung seines Einfalls, was mit Kunst nichts mehr zu tun hat. Sein einziges Ziel ist die Akzeptanz im Kunstmarkt, wo der Wiedererkennungswert der Werke (Markenzeichen) im Zusammenhang mit dem Namen der Künstlerperson an erster Stelle gefragt ist. Die Verkaufsstrategien laufen dann nur noch über den Namen und nicht über die Qualität der Arbeit. Der Kunstmarkt wählt somit unbewusst die „Nicht-Künstler“ unter den Künstlern aus. Kriterium ist das Prinzip des „sich treu bleiben“ in seinem Personalstil. „Schuster bleib bei deinen Leisten“ heißt die Devise. Das unkreative und damit unkünstlerische Konzept der laufenden Wiederholung eines persönlichen Markenzeichens dient als Auswahlkriterium, weil der Wiedererkennungswert für den Verkauf an erster Stelle steht. Leider haben sich die Museen und großen Kunstvereine dieser Praxis angeschlossen, so dass heute nur noch die Künstlerpersonen gefeiert werden. Das Werk ist zur Nebensache verkommen. Es spricht nicht mehr für sich selbst, sondern dient der Erkennung des Schöpfers.

3. Die dauernde Wiederholung einer dünnen Idee - Kunst als Masche
In den Überschneidungszonen der großen künstlerischen Entwürfe der Neuzeit sind noch Lücken vorhanden. Lücken, die bewusst nicht bearbeitet wurden, weil sie für die zu machenden Aussagen nicht geeignet schienen oder die im Tempo der Kunstinnovation übersehen wurden. Da es heute in der Bildenden Kunst keine Aussicht mehr auf etwas absolut Neues gibt, wird aus Frustration der Blick gerne zurückgeworfen und fällt dann auf diese unbearbeiteten Stellen. Sie werden bevorzugt von Künstlern besetzt, die darin eine Marktlücke erspäht zu haben glauben. Der Blick auf diese Lücke, die Möglichkeit damit ein Markenzeichen zu kreieren, verhindert den Prozess der Auseinandersetzung darüber, ob diese Lücke überhaupt künstlerisch tauglich ist und einem aktuellen persönlichen Anliegen entspricht. Die Entdeckerfreude und die Aussicht auf Erfolg sind stärker, als die Lust an der Weiterentwicklung. Heerscharen von Künstlern reiten auf dieser Masche und versuchen damit ihr Glück - ein trügerisches Glück. Dabei handelt es sich nicht um die notwendige Durcharbeitung eines Themas, sondern um den unkreativen Prozess der ewigen Wiederholung einer Idee zum Markenzeichen, um endlich im Markt angenommen zu werden. Aus Angst, nicht mehr glaubwürdig zu sein, wird diese Position dann nicht mehr verlassen, womit eine echte künstlerische Entwicklung verhindert wird. Diese risikolose Haltung lähmt alles Subversive, sie stellt nichts mehr in Frage, notwendige Fehler, aus denen gelernt werden kann, kommen nicht mehr vor.

4. Zur Situation der Künstler
Es herrscht Mobilität bei gleichzeitigem Zögern. Die Künstler schwanken zwischen einem Gefühl von Gewinn und Verlust. Auf der einen Seite gab es noch nie solchen Reichtum an Möglichkeiten, andererseits hat diese Freiheit eine Steigerung der Beliebigkeiten zur Folge und führt oft in eine Ästhetik des Banalen. Der Überfluss an Kunst zwingt den Künstler zu seltsamen Verrenkungen. Er muss sich einem dauernden Zeigezwang unterwerfen, um Anerkennung für sein Werk zu finden und diese aufrechtzuerhalten. So sieht er sich in einer unentwirrbaren Falle gefangen. Er hat nur noch die Wahl zwischen selbstmörderischer Griesgrämigkeit oder wirtschaftlichem Erfolg, zwischen einer Verweigerungshaltung gegenüber dem Markt oder einem Mitläufertum. Er sieht sich gezwungen den Werbestrategien zu beugen und fühlt gleichzeitig den Verrat an der Kunst selbst. Um die Arbeit vor zerstörerischen Marktmechanismen zu schützen und ihren Freiraum zu bewahren, scheint es deshalb immer wichtiger zu werden, dass Künstler ihre finanzielle Basis auf andere Beine stellen, als die des Kunstmarktes. Um Kunst und Markt zu entflechten, müsste über völlig neue Wege von Kunstvermittlung nachgedacht werden. Wege, die andere Möglichkeiten der Finanzierung von Kunst aufzeigen. So könnte ein Freiraum entstehen, der dem Künstler die Zeit gibt, über sich selbst und seine eigene Arbeit nachdenken zu können. Der Künstler könnte sich den gesellschaftlichen Verwertungszwängen entziehen, ohne unproduktiv zu werden. Es geht also nicht darum, die eigene Arbeit marktgerecht zu platzieren, sondern um den generellen Fortschritt der Kunst. Dieser ist nur möglich, wenn der Künstler sich zuallererst um die Zufriedenheit mit dem eigenen Produkt bemüht und nicht primär auf Markterfolge schielt, denn letzteres bedeutet immer eine Entfremdung gegenüber dem Produkt der eigenen Arbeit.

5. Das Konzept der “Variablen Reaktion”
Bereits der Ahnherr der modernen Materialkunst Duchamp forderte, dass man ein künstlerisches Prinzip nicht fortwährend wiederholen und zur Masche werden lassen solle. Das nehme ihm die kritische Kraft und kehre es in sein Gegenteil um. Und denkt man das weiter, scheint Duchamps Philosophie tatsächlich die einzige Chance zu sein, um zu verhindern, dass die Produktion von Kunstwerken ähnlich explodiert wie die der Warenwelt, und schließlich als Einwegverpackung auf der Halde landet. In einer Zeit der schnellen Veränderung in allen Lebensbereichen mag zwar der Wunsch aufkommen, etwas Einmaliges und Unverwechselbares in die Welt zu setzen, jedoch ist dies der falsche Versuch, der keine Antworten gibt auf die jeweiligen Verhältnisse. Kunst ist ein Weg und nicht das Verharren auf einer Position. Das Konzept der “Variablen Reaktion” ist eine Strategie zur Vermeidung identifizierbarer Kontinuität (Mobilitätsprinzip). Es beinhaltet ganz bewusst die Freiheit Fehler zu machen und ein Risiko einzugehen, um eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Es ist gegen ästhetische Erstarrung gerichtet und verabscheut den Identitätszwang des Marktes. Seine Triebfeder ist nicht die Aussicht auf Erfolg, sondern die Einsicht in den Sinn der künstlerischen Arbeit. Im Zeitalter der Simulation an einem lebenslang gereiften Personalstil festzuhalten ist unzeitgemäß. Nicht das fortwährende Wiederholen einer Idee, nicht die Markenzeichenkunst mit Wiedererkennungswert ist das Ziel, sondern visuelle Vielseitigkeit, die die Veränderung des Ausdrucks zum Prinzip erhebt. Dieses Prinzip versteht die künstlerische Arbeit als experimentellen Weg. Es ist auch als künstlerisches Werkzeug zu verstehen, welches der Perfektionierung entgegensteht. Am Anfang steht immer eine aktuelle Situation oder ein Thema, welches beim Künstler eine gedankliche Reaktion auslöst. Je nach künstlerischem Werdegang, Lebenslauf und Alter der Künstlerperson wird diese Reaktion verschieden (variabel) sein und zu unterschiedlichen Ideen führen. Entscheidend ist, dass die Ideen zugelassen werden und nicht durch äußere Zwänge beiseite geschoben werden. Die Verwirklichung einer künstlerischen Idee fordert eine schöpferische Antwort. Nur wenn die richtigen Mittel zur Umsetzung gefunden werden, kann die Idee sichtbar werden. Der Künstler ist also gezwungen experimentell voranzugehen, d.h. mit unterschiedlichen Materialien und Medien zu operieren, bis er mit dem Produkt seiner Arbeit zufrieden ist. Diese Zufriedenheit darf nicht durch äußere Einflüsse aus dem Markt beeinträchtigt werden. Das Konzept der “Variablen Reaktion” braucht als Basis die Bereitschaft dem Heterogenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die lebbare Chance, ohne Angst verschieden sein zu können. Es dient der Abgrenzung von allzu Stromlinienförmigem im Kunstmarktgeschehen und soll dem Zwang zur Perfektion des Angepassten entgegenstehen. Um dieses Konzept mit Leben zu erfüllen ist es sinnvoll, allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, auserwählte aktuelle Themen zu bearbeiten, um dann das Ergebnis der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Unterschiedlichkeit der Themen zwingt die Künstler variabel zu reagieren, d.h. mit verschiedenen Ideen, Materialien und Medien zu operieren. Diese können Bild, Ton, Objekt, Performance, Installation etc. sein. Solch interdisziplinäre Arbeit dient sogleich der Weiterentwicklung des Künstlers, als auch dem generellen Fortschritt der Kunst. Sie hilft eine ästhetische Erstarrung zu verhindern. Das Ziel ist, zwischen den Stühlen zu tanzen und nicht auf ihnen zu sitzen. Für den kunstinteressierten Besucher soll immer ein Überraschungsmoment erhalten bleiben.