Klaus Bittner

100 Jahre Kunst oder die Flucht ins Nichts?

Es war eine goldene Zeit für die Kunst - 70 Jahre lang. Sie ging mit Riesenschritten voran und entdeckte Neuland. Doch dann wurden ihre Schritte immer schneller, ihre Suche immer gieriger. Und als alles Neuland entdeckt war, da begann sie alte Tabus zu brechen und ihre Begriffe zu erweitern. Sie blähte sich in den folgenden 30 Jahren mächtig auf bis an die Grenzen ihrer selbst.
Da stand sie nun, ratlos vor ihrem eigenen Fortschrittswerk und hatte keine Utopien mehr. Und als ihr die Situation bewusst wurde, da fuhr ihr der Schrecken in die Glieder und sie begann vor sich selbst in alle Richtungen zu fliehen.
Sie flüchtete sich in die Realität und bemerkte, dass sie sich im Alltag aufzulösen drohte. Sie floh in die Vergangenheit und versuchte Schönheit, Maß, Ordnung und Harmonie der Klassik wieder zu finden. Sie flüchtete sich in Armut und Askese und versuchte sich hinter monochromen Farbflächen zu verbergen. Sie flüchtete sich in die Ästhetik des reinen Materials, um dort ihr Heil zu suchen. Sie flüchtete vor der Sinnlichkeit und befasste sich mit den abstrakten Zeichen der Sprache. Sie flüchtete sich in Wiederholungen ihrer selbst und schmückte sie mit neuen Titeln. Sie trat sogar die Flucht nach vorne an, in der Hoffnung ihren Kollaps über Kaufhauskitsch herbeizuführen.
Bei aller gebotenen Eile hatte sie noch Zeit, Ihren Fluchtwegen einen Namen zu verleihen. Sie nannte sie “Neo-Konstruktivismus”, “Neo-Konzept”, “Neo-Klassik”, Neo-Expressionismus”, “Neo-Pop”. Doch alles “Neo” half nichts, denn es gab ja nichts Neues mehr zu entdecken. Nachdem sie alle Wege vergeblich ausprobiert hatte und außer Atem war, musste sie eine Pause einlegen.
Da steht sie nun heute - abgehetzt - und muss sich eingestehen, dass alles viel zu schnell ging, und dass die Geschwindigkeit ihr eigentlicher Feind war, den sie mit stetiger Beschleunigung zu bekämpfen suchte.
Was bleibt ihr also übrig als die Möglichkeiten, die sie sich erarbeitet hat, noch einmal zu überprüfen, ernst und frivol, spielerisch und bisweilen voller Verzweiflung. Vor allem muss sie sich besinnen und zur Ruhe kommen, ihren Platz als Freizeitunterhalterin aufgeben, sich vom Zeigezwang befreien, sich ein Stück aus der Öffentlichkeit zurückziehen an die Entstehungsorte ihrer Erfindungen. Vielleicht wird ihr bewusst, dass Geschwindigkeit nur Leere hervorruft, welche wiederum zur Eile antreibt. Vielleicht ist sie es, die ein Mittel gegen die Beschleunigung der Prozesse findet. Vielleicht erwächst ihr die Aufgabe, die Menschen von der wachsenden Simulation zur Lebenswirklichkeit zurückzuführen. Vielleicht kann sie wieder eine wichtige Position als gesellschaftliche Vorkämpferin einnehmen - vielleicht.