Klaus Bittner
Zur Wirksamkeit von Kunst
Der aktuelle Kunstbetrieb versteht es nach wie vor, sich von großen Teilen
der Gesellschaft abzugrenzen, indem er das Publikum einteilt in solche, die
verstehen und solche, die nicht verstehen. Als Werkzeug
dient die Kunsttheorie. Wer ihr folgt, kann die aktuelle Kunst verstehen lernen
und sich in den Kreis der Erlauchten des Kunstbetriebes einreihen. Die Künstler
wiederum versuchen alles, um in diesen Zirkel aufgenommen zu werden. Sie produzieren
auf ein Fachpublikum und auf eine Kennerschaft hin. Namhafte Künstler sind
solche, die in den Kreis des Kunstbetriebes aufgenommen wurden und dort gefeiert
werden. Gesellschaftlich gesehen bewegen diese Künstler nichts mehr, da
sie nur zur Bestätigung des Vorausgedachten eines eingeweihten Zirkels
dienen.
Ganz anders verhält es sich mit der Wirkung derjenigen Künstler, die
sich im Grenzbereich zwischen den Verstehenden und den Nicht-Verstehenden
bewegen. Sie setzen sich vielmehr einer Kritik aus, welche die Dinge in Bewegung
bringt. An der Nahtstelle zwischen dem abgegrenzten Territorium der Eingeweihten
und dem der Nicht-Dazugehörigen ist die Wirksamkeit von Kunst am größten.
Dort löst das Werk noch eine Diskussion aus, weil das Publikum aus zwei
unterschiedlichen Lagern besteht, die beide glauben zu wissen.
Ist der Künstler in das Lager der Fachidioten einmal aufgenommen,
kann er nur zu deren eingeübten Kunstgenuß beitragen. Sie erfahren,
was sie schon wissen, sie wollen gar nichts anderes erfahren und sie genießen
diese Begegnung als eine, die sie nicht umstößt, sondern auf welke
Weise bestätigt. Sie haben dem Künstler den Stachel entzogen und geben
ihm Ruhm und Geld dafür.